Einen Ge­braucht­wa­gen kauft man beim Händler in der In­nen­stadt, Brot gibt es beim Bäcker an der Stra­ßen­ecke und das antike Tee-Service vom Te­le­shop­ping-Sender kann man exklusiv per Telefon bestellen – früher kon­zen­trier­ten sich Un­ter­neh­men beim Verkauf ihrer Waren zumeist auf einen einzigen Ver­triebs­ka­nal (heute wird dieser Ansatz „Single-Channel“ genannt). Der Anbieter – nicht der Abnehmer – entschied, wo, wann und wie sich Produkte und Dienst­leis­tun­gen beziehen ließen. Dann kam die digitale Re­vo­lu­ti­on: Bereits exis­tie­ren­de Kanäle ver­än­der­ten sich, neue kamen hinzu – erst der E-Commerce, dann Mobile Shopping.

Mit den neuen In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien ent­wi­ckel­te sich auch das Kon­sum­ver­hal­ten weiter. Neben einer großen Pro­dukt­aus­wahl und einem 24-Stunden-Service forderten Käufer eine breite Auswahl an Ver­triebs­ka­nä­len, um daraus ihren per­sön­li­chen Favoriten zu wählen. Um kon­kur­renz­fä­hig zu bleiben, konnten es sich Un­ter­neh­men und Händler schon bald nicht mehr leisten, ihre Waren nur noch auf einem Weg zu ver­mark­ten. Mul­tich­an­nel-Marketing war geboren – aber was bedeutet dieser Begriff genau?

Was ist Mul­tich­an­nel-Marketing? Eine De­fi­ni­ti­on

Mul­tich­an­nel-Marketing, im Deutschen auch Mehr- oder Mul­ti­ka­nal­stra­te­gie genannt, ist ein kom­mu­ni­ka­ti­ons- und ver­triebs­stra­te­gi­scher Ansatz von Un­ter­neh­men, mit dem po­ten­zi­el­le Kon­su­men­ten auf mehreren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len gleich­zei­tig erreicht werden sollen. Aus Kun­den­sicht erlaubt es der Mul­tich­an­nel-Ansatz, über ver­schie­de­ne Wege mit einem Un­ter­neh­men Kontakt auf­zu­neh­men, sich über die an­ge­bo­te­nen Produkte und Dienst­leis­tun­gen zu in­for­mie­ren und diese schließ­lich zu erwerben.

Die ver­schie­de­nen Ver­triebs­ka­nä­le umfassen im Groben:

  • Her­stel­ler-Filialen
  • Sta­tio­nä­rer Handel (La­den­ge­schäf­te, Ein­kaufs­zen­tren)
  • Am­bu­lan­ter Handel (mobile Ver­kaufs­stel­len, Stra­ßen­ver­käu­fer, Han­dels­ver­tre­ter)
  • Katalog-/Ver­sand­han­del
  • Te­le­shop­ping
  • Internet-/On­line­shop­ping
  • Mobile Shopping (ist zum trei­ben­den Faktor des Mul­tich­an­nel-Mar­ke­tings avanciert)

Mit einem mehr­glei­sig an­ge­leg­ten Vertrieb reagiert ein Un­ter­neh­men auf den Anspruch der Kon­su­men­ten, sich von vor­ge­zeich­ne­ten Kon­takt­we­gen un­ab­hän­gig machen und bestimmte Kanäle nach eigenen Maßstäben (z. B. Be­quem­lich­keit oder In­for­ma­ti­ons­be­darf) auswählen zu können. Das Haupt­au­gen­merk von Mul­tich­an­nel liegt deshalb darauf, die Per­for­mance jedes einzelnen an­ge­bo­te­nen Kanals zu ma­xi­mie­ren, ihn also speziell auf die Be­dürf­nis­se der je­wei­li­gen Ziel­grup­pe zu­zu­schnei­den. So erwartet ein Kunde im sta­tio­nä­ren Handel etwa eine per­sön­li­che Beratung durch eine Fach­per­son, während beim On­line­shop­ping Zeit­ef­fi­zi­enz und eine at­trak­ti­ve Preis­po­li­tik im Vor­der­grund stehen.

De­fi­ni­ti­on: Mul­tich­an­nel-Marketing

Mul­tich­an­nel-Marketing meint einen kom­mu­ni­ka­ti­ons- und ver­triebs­stra­te­gi­schen Ansatz, mit dem Un­ter­neh­men po­ten­zi­el­le Kunden auf mehreren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len gleich­zei­tig (mit Werbung, In­for­ma­tio­nen, Produkten und Dienst­leis­tun­gen) erreichen wollen. In­fol­ge­des­sen können die Kunden ihren jeweils fa­vo­ri­sier­ten Kanal selbst auswählen, um sich über das Angebot eines Un­ter­neh­mens zu in­for­mie­ren, Waren ein­zu­kau­fen und mit dem Un­ter­neh­men zu kom­mu­ni­zie­ren.

Vorteile einer Mul­ti­ka­nal­stra­te­gie

Als Fle­xi­bi­li­täts­merk­mal eines Un­ter­neh­mens ver­bes­sert Mul­tich­an­nel die Kun­den­zu­frie­den­heit und stärkt in­fol­ge­des­sen die Kun­den­bin­dung. Durch zu­sätz­li­che Ver­triebs­ka­nä­le lassen sich Ziel­grup­pen erreichen, die mit einer Single-Channel-Strategie zuvor nicht abgedeckt werden konnten. Dies erlaubt gleich­zei­tig die Er­schlie­ßung völlig neuer Ge­schäfts­fel­der, innerhalb derer man neue Produkte und Dienst­leis­tun­gen anbieten und sich so auf dem Markt neu po­si­tio­nie­ren kann. Lang­fris­tig soll durch eine Mul­ti­ka­nal­stra­te­gie der Umsatz des Un­ter­neh­mens ge­stei­gert werden.

Mehr­glei­si­ge Ver­triebs­an­sät­ze dieser Art haben sich in der Wirt­schaft in­zwi­schen zum Standard ent­wi­ckelt. Auch kleine und mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men verfügen in der Regel we­nigs­tens über einen Webshop ergänzend zu ihrem sta­tio­nä­ren Geschäft. Schließ­lich kann nur die Präsenz auf möglichst vielen Kanälen ver­hin­dern, dass po­ten­zi­el­le Kunden zur Kon­kur­renz abwandern, wenn ihr fa­vo­ri­sier­ter Kanal nicht verfügbar ist.

Nachteile einer Mul­ti­ka­nal­stra­te­gie

Kom­mu­ni­ka­ti­on, Werbung, Dis­tri­bu­ti­on und Vertrieb über mehrere Kanäle anstatt nur über einen ab­zu­wi­ckeln, geht mit einer kom­ple­xe­ren Logistik und einem höheren Steue­rungs­auf­wand einher. Prä­sen­tiert man die ver­schie­de­nen Kanäle nicht in einem homogenen Corporate Image, kann es passieren, dass po­ten­zi­el­le Kunden irritiert werden und nicht mehr erkennen, dass das Produkt- und Dienst­leis­tungs­an­ge­bot zu ein und demselben Un­ter­neh­men gehört. Ein weiterer Nachteil von Mul­tich­an­nel ist, dass die einzelnen Ver­triebs­ka­nä­le lediglich ne­ben­ein­an­der exis­tie­ren, or­ga­ni­sa­to­risch und in­for­ma­ti­ons­tech­nisch aber nicht mit­ein­an­der verknüpft sind. Die fehlende Mög­lich­keit, innerhalb derselben Trans­ak­ti­on nach Belieben zwischen den fa­vo­ri­sier­ten Kanälen hin und her zu wechseln (z. B. beim prak­ti­schen Click and Collect), kann deshalb für manche Kon­su­men­ten un­at­trak­tiv sein und dazu führen, dass sie lieber zu einem Kon­kur­ren­ten wechseln, der ein ganz­heit­li­che­res Kauf­erleb­nis bietet (siehe Cross- und Om­nich­an­nel-Marketing weiter unten). Dann wäre da noch das Dis­kus­si­ons­the­ma „Kan­ni­ba­li­sie­rung“. Ein Beispiel: Ver­brau­cher schließen DSL-Verträge entweder per Telefon, online oder in einer Filiale des Providers ab. In einer Mul­ti­ka­nal­stra­te­gie wirt­schaf­tet jeder dieser Kanäle für sich. So pro­fi­tiert der sta­tio­nä­re Kun­den­be­ra­ter nicht direkt davon, wenn sich ein po­ten­zi­el­ler Kunde vor Ort beraten lässt und den Ver­trags­ab­schluss dann über die Firmen-Homepage abwickelt. In diesem Fall spräche man von einem Kan­ni­ba­li­sie­rungs­ef­fekt: Das Geschäft und damit die Umsätze verlagern sich teilweise oder sogar voll­stän­dig von einem Kanal auf den anderen. Viele La­den­be­sit­zer bei­spiels­wei­se be­fürch­ten eine Ab­wan­de­rung von Kunden vom Offline- zum On­line­han­del. Mit Zahlen belegen lässt sich diese jedoch nur im be­grenz­ten Maße. Einige Studien zeichnen sogar ein ge­gen­tei­li­ges Bild: Kon­su­men­ten würden das Internet zwar als Re­cher­che­quel­le nutzen, in 42 Prozent der Fälle aber lieber vor Ort kaufen, was in Fach­krei­sen als „ROPO-Effekt“ be­zeich­net wird.

Übersicht: Vor- und Nachteile von Mul­tich­an­nel

Vorteile Nachteile
Fle­xi­bi­li­täts­merk­mal für das Un­ter­neh­men Kom­ple­xe­re Logistik, höherer Steue­rungs­auf­wand
Ver­bes­se­rung der Kun­den­zu­frie­den­heit und somit Kun­den­bin­dung Risiko, dass die einzelnen Kanäle nicht als Teil desselben Un­ter­neh­mens wahr­ge­nom­men werden
Bessere Markt­ab­de­ckung, Er­schlie­ßung neuer Ziel­grup­pen Theo­re­ti­sches Potenzial für einen „Kan­ni­ba­li­sie­rungs­ef­fekt“
Streuung des Un­ter­neh­mens­ri­si­kos Keine Ver­knüp­fung der einzelnen Ver­triebs­ka­nä­le
Ge­le­gen­heit zur Neu­po­si­tio­nie­rung am Markt Keine ka­nal­über­grei­fen­de In­for­ma­ti­ons­über­tra­gung

Mul­tich­an­nel-Marketing – Beispiele für Stra­te­gien

Mul­ti­ka­nal­stra­te­gien finden vor allem, aber nicht aus­schließ­lich im Ein­zel­han­del bzw. im B2C-Bereich Anwendung, wobei in diesem Kontext meist von der Ver­knüp­fung von Online- und Off­line­maß­nah­men die Rede ist. Viele Händler bauen zu­sätz­lich zu ihren phy­si­schen Ver­kaufs­punk­ten einen Webshop auf, der in der Regel eine größere, wenn nicht sogar die voll­stän­di­ge Pro­dukt­aus­wahl bietet, die im sta­tio­nä­ren Handel lo­gis­tisch gar nicht möglich wäre. So können auch selten nach­ge­frag­te Waren zeit- und orts­un­ab­hän­gig zum Kauf angeboten werden.

Die beiden Kanäle verfügen aufgrund ihrer in­hä­ren­ten Ei­gen­schaf­ten über eine jeweils eigene Kos­ten­struk­tur und Preis­po­li­tik. Dies ist insofern ungünstig, da sich der Kunde eine möglichst homogene Kauf­erfah­rung wünscht. Eine Lösung dieses Problems ist etwa, auf allen Kanälen dasselbe Preis­ni­veau an­zu­bie­ten, online aber mit punk­tu­el­len Son­der­ak­tio­nen zu werben. Zudem sollte man Syn­er­gie­ef­fek­te nutzen: E-Mail-News­let­ter können bei­spiels­wei­se auf Sales im sta­tio­nä­ren Handel hinweisen und La­den­be­trei­ber können Flyer auslegen, die In­for­ma­tio­nen über den On­line­shop enthalten.

Ein ex­pli­zi­te­res Beispiel für eine Mul­ti­ka­nal­stra­te­gie ist das Ge­schäfts­mo­dell des Kon­sum­gü­ter­un­ter­neh­mens Tchibo: Ein Teil des Pro­dukt­sor­ti­ments lässt sich an den Ver­kaufs­stel­len und Depots in Su­per­märk­ten, Dro­ge­rie­ket­ten und anderen Part­ner­un­ter­neh­men beziehen. Parallel dazu gibt es sta­tio­nä­re Ver­kaufs­stel­len von Tchibo mit einem deutlich um­fang­rei­che­ren Pro­dukt­an­ge­bot. Zuletzt ist der Einkauf auch per Telefon oder online möglich.

Mul­tich­an­nel-Marketing – Ab­gren­zung zu Cross- und Om­nich­an­nel-Marketing

Für den Verkauf über mehrere Ver­triebs­ka­nä­le gibt es ver­schie­de­ne Begriffe. „Mul­tich­an­nel“ ist mit Si­cher­heit der Klassiker, da am weitesten ver­brei­tet und am längsten in Benutzung. Neben den eher mar­ke­ting­tech­nisch ver­wen­de­ten Kunst­wör­tern „No-Line Commerce“ und „Ever­y­whe­re Commerce“ haben sich außerdem die Termini „Cross-Channel“ und „Om­nich­an­nel“ etabliert, deren Un­ter­schied zu Mul­tich­an­nel im Detail liegt. Im Grunde kann man sagen, dass die Mehr­ka­nal­stra­te­gie der evo­lu­tio­nä­re Vorläufer der Konzepte Cross- und Om­nich­an­nel ist – und deshalb all­mäh­lich als nicht mehr zeitgemäß gilt.

Ab­gren­zung zu Cross-Channel-Marketing

Während Mul­tich­an­nel einen si­lo­ar­ti­gen, von­ein­an­der ab­ge­trenn­ten Betrieb mehrerer Kanäle meint, sind diese beim Cross-Channel-Ansatz eng mit­ein­an­der verknüpft (in­te­griert) und erlauben dadurch eine ka­nal­über­grei­fen­de Kauf­erfah­rung. So kann sich der Kunde z. B. im sta­tio­nä­ren Handel über ein Produkt in­for­mie­ren, es im Webshop bestellen und dann per Click and Collect bzw. In-Store-Pick-up im Laden abholen. Dabei findet sich dasselbe Wa­ren­an­ge­bot oder zumindest ein Teil davon auf allen ver­füg­ba­ren Ver­triebs­ka­nä­len wieder. Un­be­ding­te tech­ni­sche Vor­aus­set­zung für diesen in­te­gra­ti­ven Aspekt des Cross-Channel-Mar­ke­tings ist eine kon­sis­ten­te, zentral ver­wal­te­te und jederzeit zu­gäng­li­che Da­ten­ba­sis mit In­for­ma­tio­nen über den Kunden und den Wa­ren­be­stand.

Ab­gren­zung zu Om­nich­an­nel-Marketing

Eine Mehr­ka­nal­stra­te­gie sollte so viele Ver­triebs­ka­nä­le wie möglich abdecken, um alle re­le­van­ten Ziel­grup­pen erreichen zu können. Der Om­nich­an­nel-Ansatz wiederum hat gemäß seines Namens („omni“ bedeutet „alles“ bzw. „überall“) den Anspruch, auf allen exis­tie­ren Kanälen mit Marketing-Maßnahmen präsent zu sein. Gleich­zei­tig soll eine enge Ver­zah­nung der Kanäle mit­ein­an­der erreicht werden, damit der Kunde diese nach Belieben durch­ein­an­der und parallel nutzen kann. Om­nich­an­nel vereint somit die Vorteile von Mul­tich­an­nel- und Cross-Channel-Marketing in einem Konzept.

Fazit

Obgleich manche Ein­zel­händ­ler dem Mul­tich­an­nel-Marketing (re­spek­ti­ve Cross- und Om­nich­an­nel-Marketing) noch immer etwas skeptisch ge­gen­über­ste­hen, erscheint eine Über­le­gung durchaus ein­leuch­tend: Wenn man den Kunden nicht auf seinem fa­vo­ri­sier­ten Kanal erreicht, wandert er aus Be­quem­lich­keit zur Kon­kur­renz ab, die damit ihre Macht im Ver­triebs­netz­werk ausbauen kann. Für einige Branchen, Produkte und Un­ter­neh­men ist es deshalb beinahe zwingend notwendig, mit ihren Kom­mu­ni­ka­ti­ons-, Werbe-, Dis­tri­bu­ti­ons- und Ver­triebs­be­mü­hun­gen om­ni­prä­sent zu sein. Kleine und mittlere Firmen, denen die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten für eine kon­sis­ten­te und zen­tra­li­sier­te Kun­den­da­ten­bank fehlen, sollten aber we­nigs­tens eine selektive Mul­ti­ka­nal­stra­te­gie verfolgen – das absolute Minimum dafür ist eine Kom­bi­na­ti­on aus sta­tio­nä­rem Handel und On­line­shop.

Zum Hauptmenü