Im digitalen Zeitalter sind wir einer enormen In­for­ma­ti­ons­über­flu­tung aus­ge­setzt. Das be­ein­flusst auch das Kauf­ver­hal­ten bzw. erschwert die Kauf­ent­schei­dung vieler Kon­su­men­ten. Schuld daran sind vor allem die Mas­sen­me­di­en: Das Fernsehen bietet uns nicht nur unzählige Do­ku­men­ta­tio­nen und Nach­rich­ten­sen­dun­gen, sondern zahl­rei­che Wer­be­spots. Auch das Internet über­schüt­tet User täglich mit Angeboten und Wer­be­mails. Zudem ist der Markt im Zuge der Glo­ba­li­sie­rung mit einer Vielzahl an Produkten nahezu über­sät­tigt. Ein kleines Beispiel: Allein in Deutsch­land gibt es mehr als 85 Sorten Toi­let­ten­pa­pier. Nach welchen Kriterien soll der Nutzer noch seine Auswahl treffen, wenn es selbst zu den sim­pels­ten All­tags­ge­gen­stän­den nicht nur unzählige Varianten, sondern auch In­for­ma­tio­nen gibt?

Ver­brau­cher fühlen sich an­ge­sichts dieser Fülle von In­for­ma­tio­nen schnell über­for­dert. So kommt es im mensch­li­chen Gehirn zu einer In­for­ma­ti­ons­über­las­tung – dem so­ge­nann­ten In­for­ma­ti­on Overload. Doch was genau ist In­for­ma­ti­on Overload und wie können Marketer auf dieses Phänomen reagieren?

De­fi­ni­ti­on: In­for­ma­ti­ons­über­flu­tung

Der Begriff „In­for­ma­ti­ons­über­flu­tung“ be­zeich­net einen Überschuss an In­for­ma­tio­nen, mit dem ein Mensch kon­fron­tiert wird. Vor allem zwei Faktoren bilden die Ursache für den ge­gen­wär­ti­gen In­for­ma­ti­ons­über­schuss: der rasante Wachstum des In­for­ma­ti­ons­an­ge­bots und die Nutzung un­ter­schied­lichs­ter In­for­ma­ti­ons­ka­nä­le durch den Kon­su­men­ten. Ins­be­son­de­re die Mas­sen­me­di­en – wie Fernsehen oder Internet – ver­brei­ten in Höchst­ge­schwin­dig­keit Unmengen an In­for­ma­tio­nen. Doch nicht nur die typischen Wer­be­ban­ner, sondern auch die in den Ein­kaufs­pas­sa­gen aus­ge­teil­ten Wer­be­zet­tel, die un­zäh­li­gen Wer­be­ein­wür­fe im Brief­kas­ten oder einfach die breite Pro­dukt­pa­let­te im Ein­kaufs­la­den kon­fron­tie­ren die Kon­su­men­ten mit Hunderten von Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen. Ist man zu­sätz­lich – wie die meisten User heut­zu­ta­ge – mit seinem Smart­phone online, wird man außerdem von den Meldungen zahl­rei­cher Apps er­schla­gen. Diese re­gel­rech­te Da­ten­ex­plo­si­on ist die Ursache eines In­for­ma­ti­on Overloads.

Wie be­ein­flusst der In­for­ma­ti­on Overload das Kauf­ver­hal­ten?

In­for­ma­ti­on Overload bzw. In­for­ma­ti­ons­über­las­tung führt dazu, dass eine Person aufgrund eines Übermaßes an In­for­ma­tio­nen nicht mehr in der Lage ist, eine gut be­grün­de­te (Kauf-)Ent­schei­dung zu treffen. Die Menge der In­for­ma­tio­nen ist dabei der ent­schei­den­de Faktor. Mitte der 1970er-Jahre fand man heraus, dass eine Erhöhung der In­for­ma­ti­ons­men­ge die Ent­schei­dungs­qua­li­tät zunächst ver­bes­sert, dann jedoch, wenn eine bestimmte In­for­ma­ti­ons­men­ge über­schrit­ten wird, sie deutlich ver­schlech­tert. Es scheint hier eine na­tür­li­che Grenze für das mensch­li­che Gehirn zu geben.

Der In­for­ma­ti­on Overload lässt sich auch in Pro­zent­zah­len aus­drü­cken. Wenn Sie zum Beispiel eine Zeit­schrift durch­stö­bern und von 100 Seiten lediglich 10 Seiten lesen, dann nehmen Sie von den ver­füg­ba­ren In­for­ma­tio­nen nur 10 Prozent wahr. Der Rest, d. h. der In­for­ma­ti­ons­über­schuss, beträgt im Um­kehr­schluss 90 Prozent.

Die Aus­wir­kun­gen von In­for­ma­ti­ons­über­flu­tung

Eine In­for­ma­ti­ons­über­flu­tung kann das mensch­li­che Gehirn extrem belasten. Derzeit wird jeder Deutsche mit ca. 6.000 In­for­ma­tio­nen pro Tag kon­fron­tiert. Das Gehirn muss diese – zum großen Teil ir­rele­van­ten – In­for­ma­tio­nen innerhalb kürzester Zeit auswerten und mit­ein­an­der ver­knüp­fen. Darunter leidet die Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit. Die mit der In­for­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung ver­bun­de­ne hohe An­stren­gung kann weitere Folgen haben: von Müdigkeit und Ver­gess­lich­keit bis hin zum mitt­ler­wei­le weit ver­brei­te­ten Burn-out-Syndrom. Psy­cho­lo­gen und Mediziner warnen daher längst vor den Aus­wir­kun­gen zu­neh­men­der In­for­ma­ti­ons­über­las­tung. Nicht selten ist diese der Auslöser für den all­täg­li­chen Stress und kann zu schweren Mi­grä­ne­at­ta­cken oder gar zu psy­chi­schen Er­kran­kun­gen führen. Werden Kon­su­men­ten, ins­be­son­de­re durch die Mas­sen­me­di­en, mit zu vielen In­for­ma­tio­nen über­schüt­tet, schottet sich das Gehirn als Schutz­funk­ti­on gegen diese Um­welt­rei­ze ab. Denn mit dem zu­neh­men­den In­for­ma­ti­on Overload nimmt auch die Ent­schei­dungs­qua­li­tät erheblich ab. Der Ver­brau­cher kann aufgrund des In­for­ma­ti­ons­über­schus­ses kaum mehr begründet ent­schei­den, ob er das Produkt nun kaufen soll oder nicht. Die Folge ist eine ab­ge­stumpf­te Wahr­neh­mung des Kon­su­men­ten – er blendet Wer­be­infor­ma­tio­nen fortan unbewusst aus, da sie meist ohnehin keinen Nutzen für ihn haben. Ein Beispiel hierfür ist die so­ge­nann­te Banner Blindness im Internet. Für Marketer ist es daher eine we­sent­li­che Her­aus­for­de­rung, mit ihren Wer­be­bot­schaf­ten diese Wahr­neh­mungs­bar­rie­re zu durch­drin­gen.

Ent­wick­lung des In­for­ma­ti­ons­an­ge­bots: Vom Buchdruck zum digitalen Me­di­en­zeit­al­ter

Die Grund­vor­aus­set­zung für die Ver­brei­tung von Mas­sen­me­di­en lieferte der Buchdruck, durch den Inhalte erstmal zeit­spa­rend gedruckt und dann flä­chen­de­ckend an die Leser gebracht werden konnten. Die erste Dru­cker­pres­se ent­wi­ckel­te Johannes Gutenberg im 15. Jahr­hun­dert, al­ler­dings konnte man zu diesem Zeitpunkt noch kei­nes­wegs von Mas­sen­me­di­en sprechen. Dieser Begriff ist erst für die Medien seit dem frühen 20. Jahr­hun­dert an­ge­mes­sen, als Zeitungen in Groß­auf­la­ge Tausende von Lesern er­reich­ten und darüber hinaus auch Radio und später das Fernsehen nach und nach ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum eroberten.

Fakt

Zum Vergleich: Gutenberg hat weniger als 200 Exemplare seiner Gutenberg-Bibel gedruckt. 2015 er­schie­nen hingegen allein in Deutsch­land 89.506 Titel als Neu- und Erst­auf­la­gen – von denen selbst Kleinst­auf­la­gen meist in drei­stel­li­ger Stückzahl gedruckt wurden. Best­sel­ler hingegen erreichen sechs- bis sie­ben­stel­li­ge Stück­zah­len.

Es dauerte nicht lange, und die Zeitung galt als das wich­tigs­te Medium zur Ver­brei­tung von In­for­ma­tio­nen. Zu Beginn konnten die wenigen Zeitungen nur eine geringe Auflage von wenigen tausend Ex­em­pla­ren ver­zeich­nen. Heute hingegen werden er­folg­rei­che Zeitungen mil­lio­nen­fach gedruckt und weltweit verkauft. Auch andere Medien rüsteten nach: 1906 wurde die weltweit erste Ra­dio­sen­dung in den USA aus­ge­strahlt. Der Hörfunk in Deutsch­land begann in den 1920er-Jahren und ent­wi­ckel­te sich in den dar­auf­fol­gen­den Jahr­zehn­ten ebenfalls zu einem er­folg­rei­chen Mas­sen­me­di­um. Etwa zur gleichen Zeit wurde der Fernseher erfunden. Dieser konnte sich jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg als Mas­sen­me­di­um eta­blie­ren. In den 1990er-Jahren brach schließ­lich mit dem Internet das digitale Zeitalter an.

Fakt

Vor allem das Internet trägt we­sent­lich zur In­for­ma­ti­ons­über­las­tung bei: So werden allein in Deutsch­land  über 700 Mil­li­ar­den E-Mails im Jahr versendet. Rund 80 Prozent davon sind Spam-Mails – also solche Mails, die die Empfänger weder gewünscht noch an­ge­for­dert haben.

Die moderne In­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft

Das Ausmaß der In­for­ma­ti­ons­ver­brei­tung steigt und steigt – und damit nimmt auch die In­for­ma­ti­ons­über­flu­tung zu. Die un­ter­schied­li­chen Me­di­en­bran­chen ex­pan­die­ren dabei ins Extreme: Heut­zu­ta­ge exis­tie­ren unzählige Zei­tungs­ver­la­ge, Fern­seh­pro­gram­me, Ra­dio­sen­dun­gen und Webseiten. Folglich nehmen Wett­be­werb und Wer­be­druck in den einzelnen Branchen massiv zu. Das grund­le­gen­de Problem dabei: Das Medien- und In­for­ma­ti­ons­an­ge­bot nimmt seit Jahr­zehn­ten sehr viel stärker zu als die tat­säch­li­che In­for­ma­ti­ons­nach­fra­ge. Demnach ist es nicht ver­wun­der­lich, dass die durch­schnitt­li­che In­for­ma­ti­ons­über­las­tung in Deutsch­land bei ca. 98,1 Prozent liegt. Insgesamt werden also weniger als 2 Prozent der an­ge­bo­te­nen In­for­ma­tio­nen auch tat­säch­lich genutzt – und das bei einer durch­schnitt­li­chen Me­di­en­nut­zung von ca. 10 Stunden täglich.

Der In­for­ma­ti­on Overload un­ter­schei­det sich – wenn auch ge­ring­fü­gig – je nach Me­di­en­bran­che. So weist die Zei­tungs­bran­che mit einem Pro­zent­satz von 91,7 Prozent die nied­rigs­te Belastung auf. Dem Hörfunk hingegen wird ein über­schüs­si­ger In­for­ma­ti­ons­an­teil von 98,1 Prozent zu­ge­spro­chen.

Wird der Wer­be­an­teil im Gesamten be­trach­tet, so ist die aktuelle In­for­ma­ti­ons­über­las­tung mit ca. 95 Prozent extrem hoch.

Überblick

Die In­for­ma­ti­ons­über­las­tung durch die einzelnen Me­di­en­bran­chen in Prozent:

  • Zeitungen: 91,7 Prozent
  • Zeit­schrif­ten: 94,1 Prozent
  • Hörfunk: 99,4 Prozent
  • Fernsehen: 96,8 Prozent
  • Internet: 98,1 Prozent
  • Werbung insgesamt: ca. 95 Prozent

Noch vor einigen Jahren war die In­for­ma­ti­ons­über­las­tung weitaus geringer, was auch mit der ge­rin­ge­ren Nutzung und Ver­brei­tung der modernen Medien zu­sam­men­hängt. Noch vor einigen Jahr­zehn­ten empfingen viele nur die öf­fent­lich-recht­li­chen Fern­seh­sen­der, das Internet steckte in den frühen 1990er-Jahren noch in den Kin­der­schu­hen und die Smart­phone-Nutzung nahm erst Mitte der 2000er-Jahre massiv zu. In­zwi­schen ist die simultane Nutzung ver­schie­de­ner Medien al­ler­dings gang und gäbe, was den In­for­ma­ti­on Overload immens steigert.



Die In­for­ma­ti­ons­über­flu­tung als Problem für Marketer

Die immer stärker zu­neh­men­de In­for­ma­ti­ons­über­las­tung durch die Mas­sen­me­di­en ist vor allem für Marketer ein echtes Problem. Denn diese wollen schließ­lich erreichen, dass die Wer­be­bot­schaf­ten zu ihren Produkten aus dem ständig wach­sen­den In­for­ma­ti­ons­an­ge­bot her­aus­ste­chen. So herrscht ein harter Kon­kur­renz­kampf, bei dem Un­ter­neh­mer mit allen Wer­be­mit­teln versuchen, die Auf­merk­sam­keit der Kon­su­men­ten zu gewinnen. Doch das erweist sich aufgrund der zu­neh­men­den In­for­ma­ti­ons­fül­le als äußerst schwierig. Und die In­for­ma­ti­ons­über­flu­tung wird vor­aus­sicht­lich weiterhin zunehmen.

Da der Mensch aber nur eine begrenzte Menge an In­for­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten kann, ist es voll­kom­men natürlich, dass die Ver­brau­cher immer mehr von den ihnen an­ge­bo­te­nen In­for­ma­tio­nen aus­blen­den.

Die begrenzte Kapazität des mensch­li­chen Gehirns

Der Mensch versucht tag­täg­lich, Unmengen an In­for­ma­tio­nen auf­zu­neh­men und zu ver­ar­bei­ten. Doch nicht alle werden auch lang­fris­tig im Ge­dächt­nis ge­spei­chert. Die Kapazität des mensch­li­chen Gehirns ist begrenzt, was bei zu­neh­men­der In­for­ma­ti­ons­über­las­tung un­wei­ger­lich zu einem Aufnahme-Stopp führt. Und viel mehr noch: Viele In­for­ma­tio­nen passieren nicht einmal die so­ge­nann­te Wahr­neh­mungs­schwel­le der Adres­sa­ten und werden somit nicht bewusst wahr­ge­nom­men. Das Gehirn funk­tio­niert dabei wie eine Art Fil­ter­sys­tem: Nur die re­le­van­ten In­for­ma­tio­nen bleiben im Ge­dächt­nis.

Das Mehr­spei­cher­mo­dell

Die wahr­ge­nom­me­nen In­for­ma­tio­nen können nach­ein­an­der drei Stationen durch­schrei­ten: Das Ul­tra­kurz­zeit­ge­dächt­nis (bzw. das sen­so­ri­sche Ge­dächt­nis), das Kurz­zeit­ge­dächt­nis (bzw. das Ar­beits­ge­dächt­nis) und zuletzt das Lang­zeit­ge­dächt­nis. Im Lang­zeit­ge­dächt­nis endet dann der In­for­ma­ti­ons­weg, sofern die be­tref­fen­de Person die In­for­ma­tio­nen nicht bereits vorher aufgrund ihrer Un­wich­tig­keit aus­blen­det oder vergisst.

Das Spei­cher­sys­tem funk­tio­niert – ver­ein­facht dar­ge­stellt – wie ein Drei-Stufen-Modell: Hat die In­for­ma­ti­on die Schwelle der ersten Stufe erreicht, wird sie in die nächste über­ge­lei­tet. Dort wird die ent­spre­chen­de In­for­ma­ti­on wei­ter­ver­ar­bei­tet und – je nach Relevanz – schließ­lich im Lang­zeit­ge­dächt­nis ge­spei­chert. Dort ist sie dann für mehrere Jahre oder sogar Jahr­zehn­te für den Menschen abrufbar. Vor allem emotional behaftete Er­in­ne­run­gen haben für den Menschen eine hohe Relevanz und bleiben oft ein Leben lang bestehen. Marketer setzen aus diesem Grund häufig auf emo­tio­na­li­sie­ren­de Ver­mark­tung, um Kunden zum Kauf des Produkts anzuregen.

Die einzelnen Stufen des Mehr­spei­cher­mo­dells un­ter­schei­den sich vorrangig in ihrer Spei­cher­dau­er. Während das Ul­tra­kurz­zeit­ge­dächt­nis In­for­ma­tio­nen lediglich für Mil­li­se­kun­den festhält, speichert das Lang­zeit­ge­dächt­nis sie über Jahre hinweg. Daher ist das oberste Ziel von Marketern, ihre Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen vor allem im Lang­zeit­ge­dächt­nis der Kunden zu plat­zie­ren.

Das Ul­tra­kurz­zeit­ge­dächt­nis

Das Ul­tra­kurz­zeit­ge­dächt­nis ist die erste Filter-Station der über die Sinne auf­ge­nom­me­nen In­for­ma­tio­nen. Aus diesem Grund wird diese Station auch als sen­so­ri­sches Ge­dächt­nis be­zeich­net. Hier werden alle In­for­ma­tio­nen zunächst un­ge­fil­tert und unbewusst zwi­schen­ge­spei­chert. Das Ul­tra­kurz­zeit­ge­dächt­nis kann zwar eine riesige Menge an In­for­ma­tio­nen aufnehmen, doch bietet es eben nur eine extrem kurze Spei­cher­dau­er: Die In­for­ma­tio­nen werden im Ul­tra­kurz­zeit­ge­dächt­nis lediglich für Mil­li­se­kun­den bis Sekunden fest­ge­hal­ten. Werden die In­for­ma­tio­nen als relevant ein­ge­stuft, schaffen sie es in die nächste Ge­dächt­nis­stu­fe. Alle anderen In­for­ma­tio­nen werden aus­sor­tiert.

Das Kurz­zeit­ge­dächt­nis

Das Kurz­zeit­ge­dächt­nis bzw. Ar­beits­ge­dächt­nis ist die zweite Filter-Station, in der die In­for­ma­tio­nen bewusst wei­ter­ver­ar­bei­tet werden. Hier beträgt die Spei­cher­dau­er etwa 20 bis 45 Sekunden. In dieser Zeit wird die Relevanz der vor­han­de­nen In­for­ma­tio­nen aktiv und bewusst ermittelt. Handelt es sich bei­spiels­wei­se um eine un­wich­ti­ge In­for­ma­ti­on, wird die Relevanz als nicht besonders hoch ein­ge­stuft, was un­mit­tel­bar zur Löschung führt (aus diesem Grund kann man sich das Ge­burts­da­tum seines Schwarms bzw. Partners meist besser merken als das ent­fern­ter Bekannter). Ist die In­for­ma­ti­on wichtig und noch nicht im Lang­zeit­spei­cher zu finden, wird sie auf direktem Weg dorthin wei­ter­ge­lei­tet. Kom­ple­xe­re In­for­ma­tio­nen und auch einige mo­to­ri­sche Fä­hig­kei­ten wie Schwimmen oder Fahr­rad­fah­ren müssen al­ler­dings mehrmals wie­der­holt werden, um lang­fris­tig im Ge­dächt­nis zu bleiben.

Das Lang­zeit­ge­dächt­nis

Das Lang­zeit­ge­dächt­nis ist die letzte Station des Mehr­spei­cher­mo­dells, in der die In­for­ma­tio­nen über einen sehr langen Zeitraum – über Jahre oder sogar ein ganzes Leben lang – ab­ge­spei­chert werden. Das Kriterium der Relevanz bildet hier den ent­schei­den­den Faktor. Die als wichtig er­ach­te­ten In­for­ma­tio­nen bilden ein Geflecht aus Wissen, Er­fah­run­gen und Ein­drü­cken. Das komplexe Datennetz des Lang­zeit­ge­dächt­nis­ses kann un­be­grenzt erweitert werden. Der Mensch kann diese Daten bewusst und auch unbewusst abrufen. Ob In­for­ma­tio­nen tat­säch­lich aus dem Lang­zeit­ge­dächt­nis gelöscht werden können, ist strittig. Die Mehrheit der Wis­sen­schaft­ler geht in­zwi­schen davon aus, dass es sich beim Vergessen eher um eine Nicht-Ab­ruf­bar­keit bzw. De­ak­ti­vie­rung von Daten handelt.

Da In­for­ma­tio­nen dort dauerhaft ab­ge­spei­chert werden, versuchen Marketer ihre Pro­dukt­in­fos gezielt im Lang­zeit­ge­dächt­nis ihrer Kunden zu plat­zie­ren. Mit auf­fäl­li­gen, emo­ti­ons­aus­lö­sen­den Wer­be­maß­nah­men soll das Produkt einen Wie­der­erken­nungs­wert gewinnen. Doch um ins Lang­zeit­ge­dächt­nis zu gelangen, müssen die Wer­be­bot­schaf­ten zunächst die vor­ge­schal­te­ten Spei­cher­stu­fen über­win­den.

Die erste Her­aus­for­de­rung: Das Über­schrei­ten der Wahr­neh­mungs­schwel­le

Die erste Hürde für Marketer besteht darin, dass die Pro­dukt­in­for­ma­tio­nen die so­ge­nann­te Wahr­neh­mungs­schwel­le einer Person über­schrei­ten müssen. Denn nicht wahr­ge­nom­me­ne Produkte werden lo­gi­scher­wei­se auch nicht gekauft. Der Wahr­neh­mungs­pro­zess funk­tio­niert dabei fol­gen­der­ma­ßen: Der Mensch nimmt über seine Sin­nes­or­ga­ne Reize aus der Umwelt auf. Damit diese an­schlie­ßend im Gehirn zu In­for­ma­tio­nen aus­ge­wer­tet werden, müssen sie im Idealfall eine Emp­fin­dung auslösen. Erst ab einem be­stimm­ten Emp­fin­dungs­grad nimmt die Person In­for­ma­tio­nen als für sie relevant wahr.

Für Marketer bedeutet das: Die vom Produkt aus­ge­hen­den Reize müssen eine gewisse In­ten­si­tät erreichen, ehe sie vom Ver­brau­cher re­gis­triert werden. Erst dann werden In­for­ma­tio­nen im Gehirn wei­ter­ver­ar­bei­tet. Doch lediglich ein Bruchteil der auf­ge­nom­me­nen Reize erreicht auch tat­säch­lich die Wahr­neh­mungs­schwel­le. Wer­be­trei­ben­de setzen daher auf eine möglichst hohe Reiz­in­ten­si­tät, um so die Auf­merk­sam­keit von Ver­brau­chern zu erhalten.

Die Strategie von Marketern: Ag­gres­si­ve Wer­be­kam­pa­gnen

Viele Marketer setzen aufgrund des medialen In­for­ma­ti­on Overloads auf besonders reiz­in­ten­si­ve Wer­be­kam­pa­gnen. Sie versuchen, durch ag­gres­si­ve­re Werbung die Wahr­neh­mung der Ver­brau­cher auf ihre Produkte zu lenken. Es gilt das Motto: Auffallen um jeden Preis – je bunter, lauter, schriller, desto besser. Viele Media-Markt-Kampagnen sind hierfür Pa­ra­de­bei­spie­le: Mit der über­di­men­sio­na­len, pro­vo­kan­ten Pla­kat­auf­schrift „Ich bin doch nicht blöd“ oder anderen markigen Sprüchen und der Ver­wen­dung von Su­per­la­ti­ven in Kom­bi­na­ti­on mit der Si­gnal­far­be Rot versuchte Media Markt, aus der Masse der Wer­be­an­zei­gen her­aus­zu­ste­chen. Viele Wer­be­clips fielen auch durch laute Sound­ef­fek­te und die Ver­wen­dung beliebter Ste­reo­ty­pen auf – und hatten damit vollen Erfolg. Doch welche Mög­lich­kei­ten gibt es noch, Ver­brau­cher auf Produkte auf­merk­sam zu machen?

Re­le­vanz­stei­ge­rung der Wer­be­bot­schaft

Marketer müssen sich an­ge­sichts der zu­neh­men­den In­for­ma­ti­ons­über­las­tung und der stetig an­wach­sen­den Wahr­neh­mungs­schwel­le neue Marketing-Stra­te­gien überlegen. Das gelingt ei­ner­seits, indem man die Reiz­in­ten­si­tät steigert, damit die Produkte von po­ten­zi­el­len Kunden überhaupt wahr­ge­nom­men werden (was al­ler­dings ebenfalls zur Reiz­über­flu­tung beiträgt). Besonders gut in Er­in­ne­rung bleiben aber vor allem emo­ti­ons­aus­lö­sen­de Wer­be­bot­schaf­ten, wie z. B. die er­folg­rei­che Wer­be­kam­pa­gne von Dove belegt: Das Un­ter­neh­men prä­sen­tiert in einer Wer­be­an­zei­ge junge und ältere Frauen un­ter­schied­li­cher Kö­per­fi­gur und wirbt mit dem Slogan „Keine Models, aber straffe Kurven“ für in­di­vi­du­el­le Schönheit. Werbung sollte also nicht nur auffallen, sondern darüber hinaus auch nut­zer­ori­en­tiert und ziel­grup­pen­spe­zi­fisch ver­mark­tet werden. Wenn Sie es also schaffen, beim Ver­brau­cher positive As­so­zia­tio­nen zu Ihrem Produkt her­vor­zu­ru­fen und an seine Be­dürf­nis­se an­zu­knüp­fen, wird das Produkt für ihn re­le­van­ter und er wird es mit höherer Wahr­schein­lich­keit kaufen.

Ver­knüp­fung mit bereits ziel­grup­pen­re­le­van­ten Themen

Das Internet ist in den letzten Jahren zur wohl wich­tigs­ten Wer­be­platt­form geworden. Doch mit einer In­for­ma­ti­ons­über­las­tung von ca. 98,1 Prozent ist es für Marketer sehr schwer geworden, hier die Kauf­be­reit­schaft der Kunden zu wecken. Die durch­schnitt­li­che Ver­weil­dau­er auf einer In­ter­net­sei­te beträgt weniger als 40 Sekunden. In vielen Studien ist sogar von einem Durch­schnitts­wert von lediglich 8 bis 12 Sekunden die Rede. Im Internet müssen Wer­be­maß­nah­men also innerhalb kürzester Zeit den Nutzer erreichen. Bilder eignen sich dafür besonders gut, da sie innerhalb von Se­kun­den­bruch­tei­len vom Gehirn ver­ar­bei­tet werden können. Generell gilt: Je kürzer und reiz­in­ten­si­ver die Wer­be­bot­schaft, desto höher sind die Er­folgs­chan­cen.

Eine andere effektive Lösung bieten z. B. In­vol­vement-Stra­te­gien. Damit ist die Ein­be­zie­hung aktueller Themen in die Pro­dukt­ver­mark­tung gemeint. Die Ver­mark­tung eines Produkts unter einem ziel­grup­pen­spe­zi­fi­schen Leitthema, das von hohem ge­sell­schaft­li­chen Interesse ist, soll für den Ver­brau­cher Er­leb­nis­wel­ten schaffen. Bei der richtigen Ziel­grup­pe kann diese Strategie extrem positive As­so­zia­tio­nen her­vor­ru­fen.

Die Telekom bei­spiels­wei­se macht sich das in Deutsch­land überaus große Interesse am Brei­ten­sport Fußball zunutze, indem es als Sponsor ein Turnier vier deutscher Spit­zen­ver­ei­ne or­ga­ni­siert: Das Turnier selbst läuft unter dem Namen „Telekom Cup“. Auf diese Weise wird die Wahr­neh­mungs­schwel­le der fuß­ball­in­ter­es­sier­ten Kon­su­men­ten pro­blem­los erreicht, da sie ohnehin re­gel­mä­ßig Fuß­ball­ver­an­stal­tun­gen verfolgen. Durch die Ver­knüp­fung mit dem beliebten Sport wird auch das Un­ter­neh­men selbst in ein positives Licht gerückt.

Häufig wird die In­vol­vement-Strategie al­ler­dings nicht zur gezielten Pro­dukt­wer­bung genutzt, sondern eher, um das Image des Un­ter­neh­mens als solches zu stärken.

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