Mar­ken­bot­schaf­ten, die sich zum „Selbst­läu­fer“ und viralen Hit ent­wi­ckeln, und Kunden, die Bot­schaf­ten der Un­ter­neh­men frei­wil­lig ver­brei­ten: der Traum jedes Marketers. Denn diese virale Form des Mar­ke­tings sorgt oft für eine enorme Reich­wei­te, ohne dass Un­ter­neh­men dafür großen fi­nan­zi­el­len Aufwand betreiben müssen. Doch lässt sich virales Marketing in der Praxis nicht so leicht umsetzen, denn die virale Ver­brei­tung ist nur selten kalkulier- und steuerbar.

Virales Marketing: De­fi­ni­ti­on

Für den eng­li­schen Begriff Viral Marketing gibt es viele Synonyme wie V-Marketing, Virus-Marketing oder Organic Marketing – um nur einige zu nennen. Online-Marketer machen sich dabei das Grund­prin­zip der klas­si­schen Mund­pro­pa­gan­da zu eigen. Das so­ge­nann­te Word-of-Mouth (dt. Mund­pro­pa­gan­da oder mündliche Über­lie­fe­rung) soll mit möglichst hoher Ge­schwin­dig­keit eine möglichst große Reich­wei­te erzielen.

Der Clou dabei: Der Nutzer nimmt die Inhalte dieser Werbeform nicht als klas­si­sche Werbung wahr. Er findet ein Video oder einen Text so un­ter­hal­tend, spannend oder in­ter­es­sant, dass er es ohne Zutun des Un­ter­neh­mens an andere Nutzer wei­ter­sen­det. So ver­brei­ten sich digitale Bot­schaf­ten rasend schnell, die Ver­brei­tung ent­wi­ckelt eine Ei­gen­dy­na­mik und nimmt wie bei einem Virus zu, was auch den Namen dieser spe­zi­el­len Mar­ke­ting­form erklärt. Ziel ist es, eine ef­fi­zi­en­te Ver­brei­tung über ver­schie­de­ne Kanäle zu erreichen, die sich aus dem Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz­werk selbst ergibt – und dem Un­ter­neh­men selbst dabei kaum Kosten ver­ur­sacht.

Wie funk­tio­niert virales Marketing?

Das Prinzip von viralem Marketing un­ter­schei­det sich stark von dem klas­si­scher Werbung. Bei Fern­seh­wer­bung oder Ra­dio­spots sind Sender und Empfänger der Wer­be­bot­schaft klar. Bei der viralen Ver­brei­tung ist der ei­gent­li­che Empfänger und Konsument, also der Nutzer und po­ten­zi­el­le Kunde, selbst das Wer­be­me­di­um. Denn der Nutzer ist derjenige, der seinen Kontakten be­zie­hungs­wei­se Freunden von einem be­stimm­ten Video, einem Text oder einem Tweet erzählt. Er gibt eine Emp­feh­lung an seine Kreise weiter, indem er z. B. ein Video auf seiner Facebook-Timeline teilt. Einer oder mehrere seiner Freunde teilen wiederum dieses Video mit ihren eigenen Kontakten. Die Reich­wei­te und Ziel­grup­pe ver­grö­ßert sich dabei enorm schnell.

Es ent­wi­ckelt sich – wie oben schon erwähnt – eine Ei­gen­dy­na­mik: Der „Wirt“ (um bei der Virus-Metapher zu bleiben) kann am Ende selbst nicht mehr nach­voll­zie­hen, wie viele Menschen die Botschaft letzt­end­lich erreicht hat, die er ins Rollen gebracht hat. Der Nutzer wird vom passiven Empfänger der Wer­be­bot­schaft zum aktiven Ver­brei­ter. Als Über­tra­gungs­ka­nä­le für virales Marketing kommen im Grunde alle Online-Kanäle mit sozialer Kom­po­nen­te in Frage: Blogs, Social-Media-Platt­for­men, Foren, Com­mu­ni­tys, Micro-Blogging-Dienste, News-Websites, Messenger-Dienste oder E-Mail.

Was hat „virales Potenzial“?

Beim viralen Marketing teilen also die Nutzer Inhalte – das Grund­prin­zip ist klar. Doch nicht jeder Inhalt hat auch das Potenzial für eine na­tür­li­che virale Ver­brei­tung. Viele Faktoren spielen für die Ent­ste­hung eines viralen Effekts eine Rolle:

  • Ori­gi­na­li­tät: Ziel ist es Inhalte zu schaffen, die andere unbedingt teilen wollen, weil sie neu, innovativ und vor allem originell sind. Das schon Zigfach-Da­ge­we­se­ne hat selten einen viralen Charakter, ori­gi­nel­le Konzepte und Prä­sen­ta­ti­ons­for­men hingegen schon.
  • Emotionen: Schaut man sich er­folg­rei­che Kampagnen wie „heim­kom­men“ von Edeka an (mehr dazu unten), dann wird man mit Themen kon­fron­tiert, die berühren. Virale Kampagnen rufen oft Emotionen hervor, sie bringen Nutzer zum Lachen oder weinen. Emotionen teilt man am liebsten mit anderen: Hat uns etwas tief berührt, wollen wir es wei­ter­ge­ben.
  • Mehrwert: Virale Inhalte müssen nicht immer witzig oder kurios sein, sie können auch ganz einfach bei Problemen helfen, Lösungen anbieten und Fragen be­ant­wor­ten. Man muss dem Nutzer Mehrwert bieten, den er für relevant für seine Freunde hält. Dazu müssen Marketer auch neue Trends früh­zei­tig zu erkennen und nutzen.
  • Iden­ti­fi­ka­ti­on: Wenn man sich mit einem Thema iden­ti­fi­ziert, ist man eher geneigt, es zu kom­men­tie­ren. Viralen Charakter haben deshalb oft Themen, bei denen die Masse mitredet. Eine Mög­lich­keit ist, All­tags­the­men auf­grei­fen, die jeder kennt und zu denen jeder eine Meinung hat. Doch Vorsicht: Nicht jedes Thema eignet sich dafür – man bleibt besser beim Un­ver­fäng­li­chen. Entfacht man eine hitzige Dis­kus­si­on über Politik oder Religion, dann geht das schnell nach hinten los.
  • Über­ra­schungs­ef­fekt: Inhalte, die er­folg­reich viral gegangen sind, po­la­ri­sie­ren häufig, sie sind ver­blüf­fend, kon­tro­vers und un­er­war­tet. Man muss Spannung erzeugen und den Über­ra­schungs­ef­fekt für sich nutzen.
  • Au­then­ti­zi­tät: Plumpe Wer­be­bot­schaf­ten haben selten virales Potenzial, ihnen fehlt die Au­then­ti­zi­tät. Natürlich plat­zie­ren die meisten bei ihren Mar­ke­ting­inhal­ten ein Logo an der einen oder anderen Stelle, doch den Menschen sollen primär der Inhalte und die Ge­schich­te im Ge­dächt­nis bleiben – die As­so­zia­ti­on mit dem Un­ter­neh­men erfolgt un­ter­be­wusst.

Virales Marketing: Er­folg­rei­che Beispiele

Bei der Kon­zep­ti­on und Er­stel­lung von Clips und Kampagnen sollte man die oben genannten Faktoren be­rück­sich­ti­gen, doch ein Er­folgs­re­zept für einen viralen Hit bilden sie nicht. Die drei folgenden Beispiele zeigen, wie un­ter­schied­lich Clips sein können, welch un­ter­schied­li­che Emotionen und Reize sie auslösen können – und dabei dennoch alle glei­cher­ma­ßen er­folg­reich sind.

„#heim­kom­men“

Ein sehr bekanntes Beispiel für eine er­folg­rei­che virale Kampagne stammt aus der Vor­weih­nachts­zeit 2015 und von einem Wie­der­ho­lungs­tä­ter. Denn schon einmal hat EDEKA zusammen mit der Agentur Jung von Matt einen viralen Hit gelandet. Während das Video zu „Supergeil“ mit Künstler Friedrich Lich­ten­stein absolut kurios und witzig daherkam, drückte der Le­bens­mit­tel­kon­zern im Video zu „Heim­kom­men“ or­dent­lich auf die Trä­nen­drü­se.

Unter dem Motto „Heim­kom­men“ erzählt Edeka die emo­tio­na­le Ge­schich­te eines einsamen alten Mannes zu Weih­nach­ten (natürlich mit Happyend). Der Spot wurde in Deutsch­land kon­tro­vers dis­ku­tiert – weil er neben den Werten von Familien und Ge­mein­schaft auch eine pro­vo­ka­ti­ve Wendung durch den vor­ge­täusch­ten Tod des Opas be­inhal­tet. Zum Weinen schön für die einen, zu makaber für andere – in jedem Fall ein Grund darüber zu sprechen, den Clip zu teilen und zu kom­men­tie­ren. Nach nur zwei Tagen konnte der Clip im Netz schon über 4,3 Millionen Klicks verbuchen. Den Spot hat man außerdem im Kino und TV aus­ge­strahlt und die cross­me­dia­le Kampagne mit einem Social-Media-Ge­winn­spiel über Facebook und Instagram ab­ge­run­det.

„First Kiss“

Das Video „First Kiss“ der Künst­le­rin Tatia Pilieva ging 2014 um die Welt. Im Film sind zehn Paare beim ersten Kuss zu sehen. Das Besondere daran: die Personen sind sich vorher noch nie be­geg­ne­tet. Es ist ein sehr ruhiger, eher un­auf­ge­reg­ter Clip. Es gibt nur wenig Kom­men­ta­re und Er­klä­run­gen, die Bilder sprechen für sich. Der Clip weckt Emotionen und spricht die Zuschauer auf einer sehr per­sön­li­chen Ebene an und erinnert sie an ihre eigenen Er­fah­run­gen. Und es funk­tio­niert: Das Video ent­wi­ckel­te sich in weniger als 24 Stunden zum welt­wei­ten In­ter­nethit – 37 Millionen Klicks in nur vier Tagen.

Initiator des Videos war die ame­ri­ka­ni­sche Modemarke WREN. Zwar sieht man direkt zu Beginn den Namen, die Marke ver­schwin­det hinter der ei­gent­li­chen Story jedoch fast gänzlich. Dass es sich um Werbung handelt (alle Akteure tragen Kleidung der Marke und sind zum Teil Models und Schau­spie­ler mit Ka­me­ra­er­fah­rung), war für die Millionen Nutzer, die den Clip teilten, ir­rele­vant.

„Trojan Mailing“

Er­folg­reich und vor allem sehr kreativ und witzig war ein Spot von DHL, der auch von der Viral-Hit­schmie­de Jung von Matt stammt. In dem Clip per­fek­tio­niert man das „Um die Ecke denken“ und macht ganz einfach die Kon­kur­renz zum Wer­be­trä­ger. Für den Marketing-Streich hat man riesige Pakete mit ther­mo­ak­ti­ver Folie beklebt und schock­ge­fros­tet. Die Pakete hat man über Kon­kur­renz­an­bie­ter ver­schickt, die dank der Folie ein offenbar komplett schwarzes Paket annahmen. Während der Aus­lie­fe­rung ist die Tem­pe­ra­tur gestiegen und die ei­gent­li­che knall­gel­be Farbe und der Slogan „DHL is faster“ (DHL ist schneller) of­fen­bar­te sich auf den Paketen, die UPS- und DPD-Boten dann durch die Stadt tragen mussten. Die Aktion mit dem tro­ja­ni­schen Pferd hat man in einem Video-Clip erklärt – und dieser Clip ging viral.

DHL hat durch den hu­mo­ris­ti­schen Beitrag viel Auf­merk­sam­keit erlangt – hatte aber tat­säch­lich nichts damit zu tun. Das Video entstand im Rahmen eines internen Contests der Agentur und war ur­sprüng­lich auch nur für die interne Ver­wen­dung gedacht.

Fazit:

Im schlimms­ten Fall ist Werbung für ein Un­ter­neh­men aufwendig und teuer. Empfindet der Nutzer sie dann noch als auf­dring­lich und nervend, haben wir das Hor­ror­sze­na­rio jedes Marketers. Klar ist: Nutzer werden immer sensibler, was Wer­be­bot­schaf­ten betrifft. Die tag­täg­li­che Flut an aber­tau­sen­den Wer­be­bot­schaf­ten, die sowohl online als auch offline auf einen ein­pras­seln, hat bei vielen Menschen eine Ab­wehr­hal­tung her­vor­ge­ru­fen.

Im On­line­mar­ke­ting sieht man sich schon länger mit dieser Pro­ble­ma­tik kon­fron­tiert. Die Her­aus­for­de­rung ist, immer wieder neue, in­no­va­ti­ve Wer­be­for­ma­te zu finden. Denn nur neue, unter Umständen un­kon­ven­tio­nel­le Ideen haben das Potenzial, aus der Masse her­aus­zu­ste­chen. Virales Marketing macht im Idealfall Spaß, liefert dem Nutzer nützliche, witzige und au­ßer­ge­wöhn­li­che Inhalte, die es wert sind, sie mit den Freunden zu teilen. Doch natürlich ist Krea­ti­vi­tät ist nicht alles. Eine lustige und kreative Idee ist zwar wichtig, doch Virales Marketing bedarf eben auch Expertise. Zusammen mit genauen Kennt­nis­sen über Ziel­grup­pe und Kanäle wird die Idee zum wich­tigs­ten Stra­te­gie­ele­ment.

Weitere hilf­rei­che Tipps, wie Un­ter­neh­men es schaffen können virale Inhalte zu erzeugen, gibt der On­line­mar­ke­ting-Experte Felix Beilharz im Interview mit IONOS:


Felix Beilharz: Das große Ziel bei ver­öf­fent­lich­tem Content in sozialen Netz­wer­ken ist es, viral zu werden, also eine große Masse an­zu­spre­chen und zu erreichen. Denn so gewinnt die eigene Seite an Auf­merk­sam­keit und Fans und somit auch an Einfluss. Wie man diese Viralität im Internet erzeugt, erklärt Experte Felix Beilharz.

Wie können es Un­ter­neh­men schaffen, virale Inhalte in sozialen Netz­wer­ken zu erzeugen und auch zu streuen?

Felix Beilharz: Das sieht immer so einfach aus. Man macht einfach ein schönes Video und plötzlich haben es Millionen Menschen gesehen und es ist viral geworden. Leider ist es nur schwer vorher zusagen, ob ein Video oder Inhalt viral wird oder nicht. Man kann al­ler­dings mehrere Er­folgs­bau­stei­ne einsetzen, damit der Content besser funk­tio­niert.

Zum Beispiel ein Thema, das gerade den Nerv der Zeit trifft. Als zur Weih­nachts­zeit viel­leicht etwas zum Thema Weih­nach­ten, Familie oder auch Liebe. Einfach etwas, das gerade passt. Was auch immer hilft sind Emotionen. Wenn man sich einmal virale Sachen anschaut, haben diese häufig sehr starke Emotionen mit drinnen. Also Trauer oder Angst, Freude, Liebe. Einen mensch­li­chen Nerv zu treffen, hilft also bei der Viralität. Gute Musik kann auch helfen.

Die großen viralen Clips haben meistens Musik im Hin­ter­grund, die in ir­gend­ei­ner Weise eingängig ist. Zudem ist es wichtig, Leute an­zu­spre­chen, die den Inhalt wei­ter­lei­ten und ver­brei­ten. Diese nennt man Mul­ti­pli­ka­to­ren oder In­fluen­cer. Das sind Leute, die in meiner Ziel­grup­pe schon einen gewissen Einfluss haben, zum Beispiel Blogger oder Youtuber, In­sta­gra­mer oder einfach Leute, die er­folg­rei­che Websites betreiben. Wenn ich diese an­spre­chen und sie dazu bringe, meinen Inhalt zu ver­brei­ten, habe ich gute Chancen auf echte Viralität.

Und wie finde ich solche In­fluen­cer?

Felix Beilharz: Dazu gibt es Tools, wie zum Beispiel <link https: www.in­fluen­c­erdb.net _blank in­fluen­c­erdb.net>in­fluen­c­erdb.net, das starke In­fluen­cer auf Instagram findet. Oder auch einfach Google, um zu schauen, welche Blogs zu meinem Thema gut gefunden werden oder dasselbe auch bei YouTube. Über die Such­funk­ti­on der Netzwerke lässt sich sehr gut raus­fin­den, wer viel Reich­wei­te hat und aktiv ist.

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